Beitrag: Das Dilemma mit den Öko-Labels im Tourismus

//Beitrag: Das Dilemma mit den Öko-Labels im Tourismus

Wer kennt sie nicht – kleine grüne Bäumchen, leuchtende Sonnen, Blumen, Tiere oder Fähnchen aller Art, die uns seit geraumer Zeit in Reisebüros, Hotelfoyers und Ferienregionen als Buttons oder Hinweisschilder begegnen. Neben traditionellem Sterneranking, das sich seit Beginn des Massentourismus in den 50er Jahren dauerhaft etablierte, existieren inzwischen mehr als 150 Gütesiegel verschiedenster Art. Sie zeichnen eine breite Palette an Angeboten aus, die Maßnahmen zum Schutz der Umwelt bedienen, aber auch wirtschaftliche, soziale und kulturelle Aspekte umfassen.
Um ein Label zu erhalten, muss sich so mancher Anbieter strengen externen Kontrollen unterziehen. Kurioserweise existiert aber gerade hier ein Dilemma, das der Reisekundschaft kaum bekannt sein dürfte. Denn welche Anforderungen ein Label erfüllt und wie glaubwürdig dies überprüft wird, bleibt weitgehend intransparent.

Dabei haben Tourismuslabels durchaus ihre Daseinsberechtigung. Sie bilden vor allem eine Orientierungshilfe bei der Wahl einer touristischen Leistung und beantworten Fragen wie: Liegt eine Nachhaltigkeitsstrategie vor? Existieren faire Arbeitsbedingungen für Beschäftigte? Wird das kulturelle Erbe geschützt? Wie steht es um ökologische Faktoren wie Wasserverbrauch, Recycling, Licht- und Lärmschutz?

Unterschiedliche Anforderungen und Kontrollmechanismen

Vergeben werden touristische Gütesiegel von staatlichen, gemeinnützigen oder privaten Organisationen. Die Anforderungen für ein solches Zertifikat könnten indes kaum unterschiedlicher sein, ebenso die Kontrollmechanismen. Hier beginnt der Gütesiegeldschungel, der schnell die Frage nach der Vertrauenswürdigkeit aufwirft. Der Informationsdienst Tourismus und Entwicklung „Tourism Watch“ hat einen „Wegweiser durch den Labeldschungel im Tourismus“ veröffentlicht und beantwortet die Frage mit einem Grundsatz: Je klarer die Zertifizierungskriterien offengelegt werden, desto vertrauenswürdiger sind die Gütesiegel zu bewerten (Tourism Watch, 2011).

Bereits Ende der 80er Jahre entstanden erste Öko-Labels, etwa 1987 die Blaue Flagge für Küstenzonen in Europa oder 1998 die Blaue Schwalbe für umwelt- und sozialverträgliche Unterkünfte in Deutschland. Auslöser waren neue Anforderungen als Folge des Massentourismus.

Das Konzept des „nachhaltigen Tourismus“ wurde geboren, wenngleich dieses erst entstand, als das Kind schon in den Brunnen gefallen war. Denn „ein Bewusstsein für mehr Nachhaltigkeit im Tourismus ist erst entstanden, als mehr Menschen reisten und erste Schäden zu sehen waren“, sagt Petra Thomas, Geschäftsführerin im Forum Anders Reisen, einem Zusammenschluss von mehr als 100 nachhaltigen Reiseunternehmen.

Definition für „Nachhaltige Tourismusentwicklung“ von der UNWTO – United Nations World Trade Organization

Nachhaltige Tourismusentwicklung befriedigt die heutigen Bedürfnisse der Touristen und Gastregionen, während sie die Zukunftschancen wahrt und erhöht. Sie soll zu einem Management aller Ressourcen führen, das wirtschaftliche, soziale und ästhetische Erfordernisse erfüllen kann und gleichzeitig kulturelle Integrität, grundlegende ökologische Prozesse, die biologische Vielfalt und die Lebensgrundlagen erhält.“ (RA, 2014)

Tourismusbranche unter Handlungsdruck

Mittlerweile gilt nachhaltiger Tourismus als allgemein akzeptiert in der Branche, denn mit der Globalisierung treten ökologische und soziale Konflikte vermehrt in den Vordergrund. „Diese setzen die Tourismusbranche bisweilen unter Handlungsdruck“, bemerkt Martin Ballas, Freier Akademischer Mitarbeiter am Zentrum für Nachhaltigen Tourismus (ZENAT) der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNE). Folglich verwundert es niemanden mehr, dass die Anzahl an Öko-Labels in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist. Laut einer aktuellen Studie der HNE gibt es mittlerweile allein in Deutschland mehr als 40 Zertifizierungsprogramme – Tendenz steigend (Funkloch, 2016).

Einer der wichtigsten deutschen Zertifizierer ist die gemeinnützige Tourcert GmbH aus Stuttgart, in deren Zertifizierungsrat Verdi, Brot für die Welt und der WWF sitzen. Tourcert zertifiziert vor allem Reiseveranstalter, Reisebüros und Hotels. Der neueste Trend im Zertifizierungsdickicht beschäftigt sich damit, ganze Regionen zu zertifizieren (TourCert, 2016).

„Ziel ist es, ein Netzwerk von touristischen Leistungsträgern aufzubauen, die nachhaltig wirtschaften, somit die Tourismuswende vorantreiben und attraktive gute Produkte und Dienstleistungen für die Reisenden anbieten“, erklärt Marco Giraldo, Geschäftsführer von Tourcert.

Dass Urlauber mehr Grün wollen, hat die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) herausgefunden. 61 Prozent der Deutschen würden ihre Reise gerne nachhaltig gestalten. Doch nur 4 Prozent tun es  – und beklagen vor allem Informationsdefizite. 42 Prozent der Befragten wünschen sich ein klares Siegel oder Gütezeichen für Nachhaltigkeit.

Hürden für nachhaltiges Reiseverhalten

Ich würde meine Urlaubsreisen gerne nachhaltig gestalten, dabei wäre es mir eine Hilfe wenn:

Damit keine zusätzlichen Kosten verbunden wären 55%
Meine Urlaubswünsche auch dann erfüllt werden 49%
Ich mehr Information dazu bekäme 43%
Es für Nachhaltigkeit ein klares Siegel/Gütezeichen gäbe 42%
Das Angebot größer wäre 32%
Ich mehr über die Vorzüge nachhaltigen Reisens erfahren würde 32%
Auch die Mobilität vor Ort gesichert wäre 31%
Die Suche nach Angeboten nicht so mühsam wäre 30%
Ich eine Beratung (im Reisebüro) bekäme 22%
Es genau so etwas für meine Vorstellung des Reisens gäbe 21%
Mein Reisepartner das auch wollte 20%

Basis: Deutschsprachige Wohnbevölkerung (Onliner) 14-70 Jahre, die Ihre Urlaubsreise gerne nachhaltig gestalten würden (n=1.564; 36,4 Mio.). Mehrfachnennungen möglich, in %   (Statista, 2016)

Gesetzliche Mindeststandards

Prof. Wolfgang Strasdas, Leiter der Arbeitsgruppe ZENAT an der HNE kennt das Problem und bringt es auf den Punkt: Wie solle sich ein Kunde, der eine Reise buchen möchte, im Dickicht der Öko-Labels zurechtfinden und alles unterscheiden können? Zudem garantierten viele der Tourismus-Siegel kaum mehr als das, was ohnehin gängige Praxis sei. Strasdas fordert deshalb gesetzliche Mindeststandards wie beim Bio-Sechseck für ökologisch produzierte Lebensmittel. Neben der Glaubwürdigkeit würde sich dadurch auch der Bekanntheitsgrad der anspruchsvolleren Tourismuszertifikate erhöhen.

Befragungen bei verschiedenen Tourismusverbänden zur Folge sind dennoch die meisten Leistungsträger eher gegen einen staatlichen Mindeststandard– viele aus Angst, ihre Mitglieder könnten die Kriterien nur schwer erfüllen.

Rund 5 Prozent aller Beherbergungsbetriebe sind aktuell in Deutschland zertifiziert, deutlich niedriger liegt die Quote bei Reiseveranstaltern, Reisebüros und Tourismusregionen. Zertifizierte Tourismusunternehmen sollten dabei eindeutig besser sein als der Durchschnitt. Dies erfordert kontinuierliche Verbesserungsprozesse, was bisher eher die Ausnahme ist (Natur Spezial, 08/2016).

Welchem Gütesiegel kann der Verbraucher überhaupt trauen?

Für den Reisenden bleibt offen, welchem Label denn nun zu trauen ist. Eine pauschale Antwort sucht der Verbraucher hier vergebens. Einen wichtigen Orientierungspunkt liefert dennoch die Frage: Wurde das Label durch den GSTC anerkannt? Der Global Sustainable Tourism Council ist heute der größte internationale Interessenverbund für nachhaltigen Tourismus. Finanziell wird er unter anderem von Europas größtem Touristikunternehmen TUI unterstützt, arbeitet nach eigener Aussage aber unabhängig. Die Organisation prüft, wer hinter einem Label steht, was der Kriterienkatalog verlangt, wie zuverlässig das Prüfverfahren ist, welchen Nachhaltigkeitsschwerpunkt ein Label hat und welche Betriebe und Angebote zertifiziert sind. Bisher wurden 26 Öko-Labels vom GSTC anerkannt, darunter Faire Trade Tourism (FFT) und Green Tourism Active (GTA). Ersteres bedient die Entwicklung nachhaltiger Tourismusstandards in Südafrika, das GTA-Programm bietet einen innovativen globalen Nachhaltigkeitsstandard mit Focus auf umweltorientierte, sozioökonomische und kulturelle Aspekte (GSTcouncil, 2016).

Eine Orientierungshilfe bietet auch der Labelführer von www.fairunterwegs.org, der rund 20 führende touristische Nachhaltigkeitslabels nach klaren Kriterien ausgewählt und anhand einer Labelanalyse nach Eigenschaften und Qualitätsmerkmalen kategorisiert hat. Dies bietet eine Hilfestellung zur Auswahl gezielter Urlaubsangebote, die Menschenrechte respektieren, die Umwelt schonen und einen effektiven Nutzen der besuchten Regionen darstellen (fairunterwegs, 2016).

Wie sich der Markt für Öko-Labels in der Zukunft entwickeln wird, bleibt spannend. Konsumententrends zeigen laut einer Umfrage der Gesellschaft für Sozialforschung forsa eine verstärkte Nachfrage nach verantwortungsvollen und nachhaltigen Produkten.  Auch das Klimaabkommen von Paris zeigt, dass ein Umdenken in den Köpfen der Verantwortlichen stattgefunden hat.

An der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde sieht man durchaus Ansätze für positive Dynamiken in Richtung eines nachhaltigen Tourismus. Es darf also davon ausgegangen werden, dass auch zukünftig Öko-Gütesiegel auf den Markt drängen. Die Frage nach einer Standardisierung und somit höheren Transparenz für den Verbraucher bleibt dennoch vorerst offen (BVE, 2016), (Zukunftsprojekt Erde, 2016).

Quellenangaben

Tourism Watch (2011): Wegweiser durch den Labeldschungel im Tourismus, https://www.tourism-watch.de/content/wegweiser-durch-den-labeldschungel-im-tourismus, [Eingesehen am 17.10.2016]

Funkloch (2016): Öko-Labels im Tourismus: Ein Gespräch mit der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, Öko-Labels im Tourismus: Ein Gespräch mit der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, [Eingesehen am 17.10.2016]

TourCert (2016):  TourCert-Zertifizierung, http://www.tourcert.org/tourcert-zertifizierung.html, [Eingesehen am 17.10.2016]

Statista (2016): Hürden für nachhaltiges Reiseverhalten, https://de.statista.com/statistik/daten/studie/369947/umfrage/huerden-fuer-das-nachhaltige-gestalten-der-urlaubsreisen-der-deutschen/, [Eingesehen am 17.10.2016]

Natur Spezial (08/2016): Ökoferien? Logo!, file:///C:/Users/user/Downloads/16_08-tourismussiegel%20(1).pdf, [Eingesehen am 17.10.2016]

GSTcouncil (2016): Recognized Standards for Hotels & Tour Operators,
https://www.gstcouncil.org/en/gstc-partners-2/gstc-recognized-standards/gstc-recognized-standards-for-hotels-tour-operators.html, [Eingesehen am 17.10.2016]

fairunterwegs (2016): Orientierungshilfe im touristischen Labeldschungel, http://www.fairunterwegs.org/vor-der-reise/#labelfuehrer, [Eingesehen am 17.10.2016]

BVE (2016): Mit nachhaltig erzeugten Lebensmitteln beim Verbraucher punkten, http://www.bve-online.de/themen/verbraucher/konsumententrends/pm-20151008, [Eingesehen am 17.10.2016]

Zukunftsprojekt Erde (2016): Nachhaltigkeit, http://www.zukunftsprojekt-erde.de/fileadmin/de.wissenschaftsjahr-2012/content_de/Presse/Pressemitteilungen/Auswertung-Nachhaltigkeit.pdf, [Eingesehen am 17.10.2016]

BVE (2016): Abschlussbericht zu dem Forschungsvorhaben: Nachfrage für Nachhaltigen Tourismus im Rahmen der Reiseanalyse, Seite 1, http://www.fur.de/fileadmin/user_upload/externe_Inhalte/Publikationen/20140912_RA14_BMU_Nachhaltige-Nachfrage_Bericht.pdf, [Eingesehen am 18.10.2016]

Sandra Sternheimer, 12.10.2016

Von |2016-12-02T04:11:10+00:0018 Okt 2016|Interviews & Beiträge|0 Kommentare

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