Beitrag: Milbendichte Schutzbezüge für Matratzen, Bettdecke & Co: Schutz oder Schein?“

//Beitrag: Milbendichte Schutzbezüge für Matratzen, Bettdecke & Co: Schutz oder Schein?“

Jeder von uns hat Gäste. Lautlose Gäste – mit den bloßen Augen unsichtbar, leisten sie uns zumeist nachts Gesellschaft und machen inzwischen Millionen Menschen das Leben schwer. Die Hausstaubmilbe, auch Dermatophagoides genannt, findet ihren Lebensraum überwiegend in menschlichen Wohnungen. Doch obwohl man sie vor allem in sichtbarem Hausstaub vermuten würde, tummeln sich Hausstaubmilben millionenfach im Bett. Bevorzugt ernähren sie sich von menschlichen Hautschuppen und finden in der Schlafstatt unserer Spezies pro Tag etwa ein halbes bis ein Gramm Nahrung vor.

 

Nicht an allen Ruhesuchenden geht die nächtliche Nahrungssuche ihrer Mitbewohner spurlos vorüber. Etwa jeder zehnte Bundesbürger, so der Ärzteverband Deutscher Allergologen (AeDA), ist mittlerweile gegen Hausstaubmilben sensibilisiert. Die Folge: Betroffene leiden nachts unter Schnupfen, Husten oder Atemnot und wachen am Morgen mit einer verstopften Nase auf. Dabei sind die mikroskopisch kleinen Spinnentiere, die nur maximal einen halben Milimeter groß werden, primär völlig harmlos. Denn verantwortlich für chronische Atembeschwerden oder Hautausschläge sind Substanzen im Kot der Milben (AeDA, 2005).

 

Reduktion der Hausstaubmilbe im Haushalt unerlässlich

Eine Hausstaubmilben-Allergie sollte keineswegs auf die leichte Schulter genommen werden. Die Gefahr ist groß, dass die Erkrankung auf die Lunge übergreift und ein Asthma zur Folge hat. Auch ein atopisches Ekzem (Neurodermitis) kann durch Hausstaubmilben unterhalten werden. Zudem haben Allergie-Experten in der Zwischenzeit herausgefunden, dass nicht nur das Einatmen der allergieauslösenden Substanzen aus dem Milbenkot eine allergische Reaktion hervorruft. “Die Allergene können direkt in die Haut eindringen und eine allergische Entzündung verursachen. Es ist sehr wichtig, die Anzahl der Hausstaubmilben in der Wohnung weitgehend zu reduzieren, vor allem im Schlafzimmer”, betont Professor Johannes Ring, Präsident der Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAI) (Schäfer, U., 2012).

Für Milbenallergiker mutet dies wie eine Mammutaufgabe an – angesichts heutzutage gut isolierter Wohnräume mit nur geringem Luftaustausch, die Hausstaubmilben optimale Bedingungen bieten. Milben fühlen sich ab 25° Celsius und einer feuchten Umgebungsluft besonders wohl, daher ist ein kühles Schlafraumklima und eine geringe Luftfeuchtigkeit günstig. Kurzzeitiges Lüften in regelmäßigem Turnus, Vermeidung von Vorhängen und regelmäßiges Saugen mit Feinstaubfilter reduziert bereits die Anzahl der Hausstaubmilben (Wikipedia, 2017), (Lungenärzte im Netz, 2017).

 

Sanierung der Matratze im Vordergrund

Dennoch stellt das größte Milbenreservoir die Matratze dar. Sie bietet ihren Bewohnern nicht nur Nahrung, sondern auch einen Rückzugsort, wenn sich das Mikroklima in der Wohnung ändert. Die Sanierung  der Matratze steht daher im „Kampf gegen die Milbe“ im Vordergrund.

Wurde in der Vergangenheit dem Material der Matratze eine hohe Bedeutung beigemessen, wird dies heute kontrovers diskutiert. Tatsache ist, dass sich Hausstaubmilben in allen Matratzen wiederfinden. Als vorteilhaft hat sich eine Matratze mit einem abnehmbaren und waschbaren Bezug erwiesen. Regelmäßiges Waschen bei mindestens 60° Celsius tötet Hausstaubmilben ab und entfernt zudem allergenen Milbenkot. Ist der Bezug zusätzlich mit einer antibakteriellen Schutzschicht ausgestattet, verringert sich die Milbenkonzentration nochmals.

Eine klimaaktive Matratze reguliert den Feuchtigkeitsaustausch in der Matratze und schafft ein trockenes Schlafklima. Dieser Trocknungsprozess wird durch häufiges Wenden und Lüften der Matratze wirkungsvoll unterstützt (Tipps und Informationen Hausstauballergie, 2017).

Auch Anja Schwalfenberg, Biologin vom DAAB (Deutscher Allergie- und Asthmabund) rät zur Bettsanierung und zwar von Anfang an: eine neue Matratze, neue Bettdecken und Kissen. Bettwaren sollten mindestens bei 60°C waschbar sein, besser noch bei 95°C. Besonders pflegeleicht sind Synthetikfasern als Füllmaterial, dennoch haben in den vergangenen Jahren auch Daunen- und Naturdecken in puncto Pflegeleichtigkeit aufgeholt.

Und nach dem Kauf die Bettwaren dann direkt in milbendichte Überzüge stecken, sogenannte Encasings.  Diese Überzüge sind so dicht gewebt, dass die Milben nicht mehr in Matratze & Co vordringen können. Haben sich schon Milben eingenistet, verhindern die Bezüge, dass der Mensch in Kontakt mit den Allergenen kommt. Der Stoff guter Encasings ist für Partikel ab 0,5 Mikrometer Durchmesser undurchlässig – so winzig kann Milbenkot sein. Optimalerweise hält er 40% der Partikel zurück, sodass die Raumluftbelastung unter den Schwellenwert sinkt.  Und um zwischen Matratzenüberzug und Bettdeckenhülle nicht wie in einer Plastiktüte zu schlafen, sollten Encasings auf jeden Fall luft- und wasserdurchlässig sein (Der Spiegel Wissen, 2014), (Mein ALLERGIE-Portal, 2016), (Billerbeck, 2013).

 

IQWiG empfiehlt Encasings

Das Institut  für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) empfiehlt Encasings speziell Hausstaubgeplagten; die Europäischen Leitlinien zur Behandlung von Neurodermitis raten sie selbst Neurodermitikern an, um unnötige Reize zu vermeiden. Studien weisen auf eine Verringerung der Allergene hin (AWMF, 2015).

 

Qualitätskriterien von Encasings

Die Dokumentations- und Informationsstelle für Allergiefragen im Kindes- und Jugendalter (DISA) hat folgende Empfehlungen für die Qualitätskriterien von EncasingBettbezügen herausgegeben:

  • Encasings dürfen nicht für Milbenallergene durchlässig sein. Dazu ist eine Porengröße von 0,5 µm erforderlich. Vorhandene Nähte müssen verschweißt oder so vernäht sein, dass die erforderliche Porengröße nicht überschritten wird.
  • Die Überzüge müssen wasserdampfdurchlässig sein.
  • Sie müssen die Matratze vollständig umschließen.
  • Sie müssen waschbar sein und trotzdem ihre Eigenschaften der Milbendichtigkeit behalten, da die Überzüge etwa alle drei Monate gewaschen werden sollten.
  • Sie sollten aus recycelbarem Material bestehen. (Lungenärzte im Netz, 2017), (DISA, 2016)

 

Prüfsiegel regulieren Markt von Schutzbezügen

Ein Massenmarkt ist das Geschäft mit den Encasings indes nicht. Rund ein Dutzend nennenswerte Unternehmen gibt es heute noch, die einen Umsatz von etwa 1,3 Mio Euro generieren. Ozan Timuroglu, Produktmanager beim Pharmahersteller und Marktführer Allergopharma, betont, dass es früher wesentlich mehr Wettbewerber gegeben habe. Denn immer mehr Krankenkassen übernähmen heutzutage die Kosten nur noch für Encasings mit Prüfsiegel, vorausgesetzt ein Arzt habe den Bezug verordnet. Dieses Vorgehen habe den Markt deutlich reguliert.

Betroffenen einer Hausstaubmilbenallergie kommt diese Entwicklung freilich entgegen. Noch Anfang des Jahrtausends erhielten gleich mehrere Encasings von der Stiftung Warentest die Note „mangelhaft“. Diese schützten überhaupt nicht vor Allergenen, führten Feuchtigkeit nicht optimal ab oder wiesen deutliche Mengen der Substanzen Permethrin, Triclosan und Ortho-Phenylphenol auf (www.test.de, 2003).

Rund ein Jahrzehnt später schlugen sich von neun getesteten Encasings in der Praxisprüfung acht Produkte sehr gut. Bis auf eine Ausnahme hält das Material aller Überzüge Milbenallergene wirksam ab; fast alle Encasings führen zudem die Feuchtigkeit, die die Haut während der Nacht abgibt, gut ab. Mit anderen Worten: Sie sind atmungsaktiv. Die Schadstoffbelastung führt bei fünf Produkten zwar zu Punktabzug, hält sich aber insgesamt in Grenzen (Ökotest Jahrbuch, 2013).

 

Keine zentrale Zertifzierung von Encasings

Die  Zertifizierung  eines Encasings durch eine Prüfstelle ist indes nicht zentral geregelt. Zertifizierer sind beispielsweise der TÜV Rheinland Köln oder die SAS Service Allergie Suisse mit Sitz in Bern.

In umfangreichen Untersuchungen des TÜV Rheinland werden die Materialbeschaffenheit, der Partikelrückhaltegrad sowie die Schadstoffkonzentration geprüft. Dadurch erhalten Produkte das Prädikat „Für Allergiker geeignet“. Für Allergiker bedeutet dies höchstmögliche Produktsicherheit. SAS zeichnet Produkte für Allergiker aus, die unter besonderer Berücksichtigung der Allergieproblematik hergestellt und ausgezeichnet werden. Die unabhängige Institution ist eine Tochtergesellschaft von aha! Schweizerisches Zentrum für Allergie, Haut und Asthma und zertifiziert seit kurzem auch Schutzbezüge für Bettwaren (softsan Betthygiene 2017).

Bleibt die Qual der Wahl. Für welches Produkt soll sich ein Hausstaubmilbenallergiker denn nun entscheiden? Eine erste Orientierung liefern Testberichte von Stiftung Warentest oder Öko-Test. Letzterer prüfte 2013 Anbieter wie Allcon, Allergika, Medi-Tech oder Pure Nature. Eine weitere Hilfestellung bieten Käuferbewertungen auf Verkaufsportalen und einschlägige themenbezogene Foren.

 

Was können Hausstaubmilbenallergiker noch für möglichst symptomfreie Nächte tun?

  • Tägliches Lüften der Bettwäsche
    Da der Mensch nachts schwitzt und sich dieser Schweiß in der Bettwäsche sammelt, stellt diese ein optimales Umfeld für die Vermehrung von Milben dar. Tägliches Lüften bedingt ein trockeneres Umfeld und führt zu einer Verringerung der Milbenanzahl
  • Regelmäßiges Waschen der Decken und Kissen bei mindestens 60°C, besser 95°C, mit einer Waschdauer von mehr als 40 Minuten. Es empfiehlt sich ein Turnus von etwa 12 Wochen, um die Milbenbelastung dauerhaft zu reduzieren.
  • Waschmittel auf pflanzlicher Basis
    Da Hausstaubmilbenallergiker häufig auch sensibel auf Inhaltsstoffe und Duftstoffe  von Waschmitteln reagieren, sollten Waschmittel auf pflanzlicher Basis chemischen Präparaten vorgezogen werden. Dies schützt Haut und Atemwege zusätzlich.
  • Allergiker-Bettwäsche
    Hausstauballergiker reagieren immer mehr auch auf andere Allergene. Spezielle Allergiker-Bettwäsche reduziert allergieauslösende Faktoren und trägt zu einem erholsameren Schlaf bei. Im gut sortierten Fachhandel finden Betroffene bereits eine breite Auswahl an Produkten.

 

Jüngste Forschungsergebnisse zeigen keine Wirkung von Encasings auf Symptome von Hausstaubmilbenallergikern

Wie sich der Markt im Sektor Schutzbezüge für Hausstaubmilbenallergiker in der Zukunft entwickeln wird, bleibt spannend. Forscher der Tulane University in New Orleans prüften unlängst die Effektivität der milbendichten Schutzbezüge, d.h. deren Wirkung auf die Symptome von Hausstaubmilbenallergikern. Hierzu analysierte das Team um Whitney Arroyave insgesamt 24 Studien, die sich mit Präventionsmaßnahmen für Hausstaubmilbenallergiker beschäftigten. Mit einem ernüchternden Ergebnis, das selbst die Forscher überraschte: Die Metaanalyse  zeigte keinen Effekt von Encasings auf die Symptome einer Hausstaubmilbenallergie.

Die Forscher vermuten einerseits, dass Encasings die Allergenbelastung zwar reduzieren, aber nicht soweit senken können, um die Symptome der Patienten merklich zu verringern.  Andererseits könnte auch die Matratze selbst nicht der Hauptrisikofaktor für Milbenallergiker sein, wie bisher angenommen.

Dr. Samuel Friedlander von der Case Western Reserve University School of Medicine in Cleveland, Ohio, betont hingegen, dass die Ergebnisse vor allem eines aufzeigen: Eine wirksame Behandlung von Hausstaubmilbenallergikern fußt nicht nur auf einer einzelnen Säule wie einem Encasing, wichtig ist immer ein Gesamtkonzept. Es gelte, Hausstaub im gesamten Wohnumfeld zu begrenzen. In diesem Zusammenhang hält er Schutzbezüge für sehr wichtig, wenn auch als Teil eines umfassenden Behandlungsplans (Lifeline, 2015), (Reuters, 2014).

Ein Gesamtkonzept mit mehreren Präventionsmaßnahmen scheint also unerlässlich für Hausstaubmilbenallergiker, unter Umständen auch eine medikamentöse Therapie. Und wer mit Schutzbezügen eine angenehmere Nacht verbringt, sollte auf Bewährtes keineswegs verzichten.

 

Quellenangaben

AeDA (2005): Bei Milbenallergie zum Allergologen, http://www.aeda.de/presse/pressearchiv/einzelansicht/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=126&cHash=582635a6d14739e40f27adaa10c8ad3d [Eingesehen am 13.01.2017]

Schäfer, U. (2012): Die Heizperiode: Hochsaison für Hausstaubmilben-Allergiker, http://www.dr-ullrich-schaefer.de/2012/03/12/die-heizperiode-hochsaison-fur-hausstaubmilben-allergiker/ [Eingesehen am 13.01.2017]

Wikipedia (2017): Hausstaubmilben, https://de.wikipedia.org/wiki/Hausstaubmilben [Eingesehen am 13.01.2017]

Lungenärzte im Netz (2017): Vorbeugung, https://www.lungenaerzte-im-netz.de/krankheiten/hausstaubmilbenallergie/vorbeugung/ [Eingesehen am 13.01.2017]

Tipps und Informationen Hausstauballergie (2017): Information zur Auswahl einer Allergiker Matratze, http://www.allergie-milben.de/allergiker-matratze/index.php [Eingesehen am 13.01.2017]

Der Spiegel Wissen(2014): Der Feind in meinem Bett, http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelwissen/d-126791015.html [Eingesehen am 13.01.2017]

Mein ALLERGIEPortal (2016): Hausstaubmilbenallergie: Was ist bei milbendichten Encasings zu beachten?, www.mein-allergie-portal.com/allergie-gegen-hausstaubmilben-und-schimmelpilze/969-hausstaubmilbenallergie-was-ist-bei-milbendichten-encasings-zu-beachten.html [Eingesehen am 13.01.2017]

Billerbeck (2013): Gesunder Schlaf für Allergiker: Darauf sollten Sie achten!, http://www.billerbeck.info/magazin/gesunder-schlaf-fuer-allergiker-darauf-sollten-sie-achten-207.php [Eingesehen am 13.01.2017]

AWMF (2015): Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V, Kurzversion der Leitlinien Neurodermitis, http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/013-027k_S2k_Neurodermitis_2015-03.pdf [Eingesehen am 13.01.2017]

DISA (2016): Dokumentations- und Informationsstelle für Allergiefragen im Kindes- und Jugendalter, Qualitätskriterien für Encasing-Bettbezüge, www.uminfo.de [Eingesehen am 13.01.2017]

www.test.de (2003): Allergikerbezüge für Matratzen: Milben mürbe machen, https://www.test.de/Allergikerbezuege-fuer-Matratzen-Milben-muerbe-machen-1085499-2085499/ [Eingesehen am 13.01.2017]

Ökotest Jahrbuch (2013): Matratzenbezüge: milben- und allergendicht. Halt dicht!, http://www.oekotest.de/cgi/index.cgi?artnr=100964&bernr=01 [Eingesehen am 13.01.2017]

Softsan Betthygiene (2017): Gesunder Schlaf für Allergiker, Gütesiegel von aha!, Prüfsiegel, https://www.softsan.de/infocenter-fuer-allergiker/encasing-allergie-suisse https://www.softsan.de/infocenter-fuer-allergiker/tests-prufsiegel  [Eingesehen am 13.01.2017]

Lifeline (2015): „Encasing“: Milbendichter Matratzenbezug zeigt wenig Wirkung, http://www.lifeline.de/themenspecials/allergie/hausstauballergie/studie-encasing-zeigt-wenig-wirkung-id144812.html [Eingesehen am 16.01.2017]

Reuters (2014): Mattress covers may not help with dust mite allergies, http://www.reuters.com/article/us-mattress-idUSBREA1R20820140228 [Eingesehen am 16.01.2017]

 

Sandra Sternheimer, 23.01.2017

Von | 2017-05-26T09:56:48+00:00 23 Jan 2017|Interviews & Beiträge|0 Kommentare

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